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Illustrationen, die Geschichten erzählen

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Ruth Cortinas in ihrem Atelier in Zürich.

Illustrationen, die Geschichten erzählen

Schweizer Zahlenbuch | 14. Januar 2020

Ruth Cortinas illustriert das «Schweizer Zahlenbuch 1 und 2». Ein Besuch in ihrem Atelier in der Stadt Zürich.

Ruth Cortinas in ihrem Atelier in Zürich.

Das Atelier einer Künstlerin habe ich mir anders vorgestellt: chaotisch, unordentlich, spärlich möbliert. Doch das Atelier von Ruth Cortinas ist perfekt aufgeräumt und wirkt sofort einladend, die Künstlerin sympathisch. In zwei Ecken steht jeweils ein Schreibtisch mit Computer – Ruth Cortinas teilt sich das Atelier mit einer befreundeten Illustratorin. Auf der Seite steht ein Sofa und in der Mitte ein Holztisch mit Blumen und hübschem Teegeschirr. Wie es sich für ein Atelier gehört, ist es hell, ein Gasofen verbreitet heimelige Wärme. Neben Ruth ­Cortinas’ Arbeitsplatz hängt eine Girlande mit verschiedenen Blechgegenständen, mexikanischer Weihnachts­schmuck, wie sie erklärt. Der einen Hinweis gibt auf ihre Wurzeln: Die 31-Jährige stammt ursprünglich aus ­Mexiko und kam im Alter von drei Jahren in die Schweiz. «Mein mexikanischer Hintergrund prägt meinen Geschmack. Ich mag es farbenfroh, habe gerne Fabelwesen.»

Im Regal an der Wand steht ein kunstvoll geschnitztes Brett: Ruth Cortinas kam erst kürzlich aus Japan zurück, wo sie sich in der Kunst des japanischen Holzschnitts unterweisen liess. Oberhalb ihres Computers hängt das Ergebnis einer solchen Arbeit, ein mit Holzdruck gefertigtes Bild. «Vor drei Jahren war ich in Japan in den Ferien und verliebte mich in die Ästhetik der japanischen Kunst», erklärt Ruth Cortinas. «Das japanische Kunsthandwerk ist sehr elegant, voll Poesie, es spricht mich sehr an.» Für sie war klar, dass sie wieder dorthin wollte, und sie machte sich auf die Suche. Schliesslich fand sie die kleine Schule eines Amerikaners, der seit 50 Jahren in Japan lebt, und lernte von ihm acht Wochen lang die japanische Holzschnittkunst.

Auf dem Computerbildschirm prangt den Besuchern eine Illustration entgegen. Es ist Ruth Cortinas’ Lieblingsillustration aus dem «Schweizer Zahlenbuch 1» und zeigt die Bildfolge «Der Reihe nach»: drei Bilder, drei Szenen, die einen Mini-Comic darstellen. «Dieses Bild musste ich für den Pitch machen», erklärt Ruth Cortinas. «Es erinnert mich daran, wie die Arbeit am ‹Schweizer Zahlenbuch› begann.» Das Bild stehe für das, was ihr an ihrer Arbeit als Illustratorin so gefällt: Es erzählt eine Geschichte, enthält versteckte Sachen. Wie etwa ein kleines Blatt, das in jedem der drei Bilder vorkommt und eine kurze Geschichte für sich erzählt.

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Ausschnitt aus Ruth Cortinas’ ­Lieblingsillustration «Der Reihe nach»

Von der Musik zur Illustration

Ruth Cortinas illustriert die Bände 1 und 2 des «Schweizer Zahlenbuchs». Für Band 1 hat sie die Illustrationen jeweils von Hand gezeichnet und danach digital eingefärbt. «Mittlerweile habe ich einen digitalen Stift gefunden, mit dem ich auf dem Tablet zeichnen kann. Das erspart mir viel Zeit», sagt sie lachend.

Die Illustratorin stammt aus einer Musikerfamilie. Das hat ihren Werdegang beeinflusst: Am Gymnasium belegte sie den Schwerpunkt Musik und absolvierte das Vorstudium am Konservatorium Zürich. Danach wechselte sie die Richtung, machte den Gestalterischen Vorkurs an der Hochschule Luzern in Design und Kunst, anschliessend den Bachelor in Illustration Fiction. «Ich brauchte Zeit, um zu erkennen und mir einzugestehen, dass ich lieber mit den Händen arbeite und schöpferisch tätig bin, statt auf der Bühne zu stehen», erklärt Ruth Cortinas ihren Richtungswechsel. Der Musik blieb sie privat aber treu: Sie spielt Harfe, Gitarre und Klavier – wenn sie Zeit dazu findet. Ausgleich findet sie aber nicht nur in der Musik, sondern vor allem auch im Gärtnern: Auf dem Balkon ihrer Wohnung in Albisrieden kümmert sie sich um Blumen, Sträucher und sogar Bäume. Und beschäftigt sich mit allem möglichen Kreativen, sei es nun Töpfern oder Stricken.

Projekte für Kinder

Ihr Studium schloss Ruth Cortinas vor fünf Jahren ab, nach einem Jahr zog sie bereits ihren ersten grossen Auftrag an Land: Für den Lehrmittelverlag Zürich illustrierte sie die «ABC»-Schreibhefte. Danach durfte sie das Kinderbuch «Gobbolino» illustrieren, das aus der Feder der «Rössli Hü»-Autorin Ursula M. Williams stammt. «Zwar waren beides Projekte für Kinder, sie hatten aber jeweils einen ganz anderen Anspruch», sagt Ruth Cortinas. Das sei das Spannende an ihrer Arbeit: dass jedes Projekt anders sei.

Inspiration überall

Seit Frühjahr 2018 arbeitet sie für den Klett und Balmer Verlag. Für die Illustrationen im «Schweizer Zahlenbuch 1» brauchte sie insgesamt fast ein Jahr. «Eine kleine zweifarbige Vignette fertige ich vielleicht in einer halben Stunde an. Aber an einem doppelseitigen Wimmelbild bin ich sicher drei Tage lang voll dran. Und dann kommen die Feedbackrunden.» In diesen Runden wird die Illustration genau geprüft: Stimmt der mathematische Inhalt der Zeichnung, gibt sie den Kindern genug Hinweise zum Vorgehen, sind alle Arbeitsmittel korrekt abgebildet? An den einzelnen Illustrationen wird lange gefeilt, bis sie schlussendlich den Weg ins «Schweizer Zahlenbuch» finden.

Ihren Stil bezeichnet Ruth Cortinas als «leicht, detailverliebt, erzählerisch, fröhlich und ein bisschen verträumt». Eine Herausforderung sei nicht, auf Ideen zu kommen – «Ich habe eher zu viele Ideen» –, die Schwierigkeit sei, sich für eine Idee zu entscheiden, konkret zu werden. Dann muss sie einfach anfangen, eine erste grobe Skizze anfertigen. «Wenn der erste Strich geschafft ist, kommt es gut», schmunzelt sie.

Die Herausforderung bei Lehrmitteln sei, dass eine Information vermittelt werden müsse. «Die Bildaussage muss klar sein und etwas verdeutlichen, soll die Kinder aber gleichzeitig neugierig machen, daher muss die Zeichnung lebendig und fröhlich sein.» Die Illustration müsse der Welt der Kinder entsprechen, soll eine Geschichte auslösen, darf aber nicht von der Aussage ablenken. Ihr gefalle, dass es sich bei der Arbeit am «Zahlenbuch» um ein längeres Projekt handelt. «Ich arbeite in einem Team und spüre dort grossen Rückhalt. Ich tausche mich auch oft mit der Grafikerin aus. Das finde ich schön, sonst ist man ja als Selbstständige eher eine Einzelkämpferin.»

Das «Schweizer Zahlenbuch 1» ist ab Januar 2020 erhältlich. Die Kinder – und auch die Lehrpersonen – dürfen sich auf wunderbare Illustrationen freuen.

www.schweizerzahlenbuch.ch


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