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«Medien und Technik sind Mittel zum Zweck»

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«Medien und Technik sind Mittel zum Zweck»

Interview | 15. September 2020

Der Leibstadter Schulleiter Ueli Zulauf glaubt nicht an die Heilsversprechen des digitalen Lernens. Der durch Covid-19 erzwungene Fernunterricht habe vielmehr gezeigt, wie wichtig menschliche Nähe im Schulalltag ist, berichtet er bei unserem Besuch Ende Mai 2020.

Lehrpersonen und Schulzimmer sind überflüssig – Hauptsache, der PC und das WLAN funktionieren. So lautet, leicht überspitzt formuliert, die Schlussfolgerung mancher Stimmen aus der Corona-­Lernphase. Ihre Meinung?

Ueli Zulauf: Das sehe ich ganz anders, entsprechend haben mich solche Kommentare in den Medien geärgert. In der Volksschule steht das soziale Lernen noch immer im Vordergrund. Selbst an den Mittelschulen spielt es eine wichtige Rolle. Unterrichten ist Beziehungsarbeit, Vermittlung von Kompetenzen durch soziale und emotionale Interaktion. Richtig ist aber auch: Je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto mehr tritt dieser Aspekt in den Hintergrund.

Gnadenlos, so die Kritik, habe die Pandemie die Versäumnisse des Schweizer Bildungssystems beim digitalen Lernen offenbart. Ist die Situation so dramatisch?

Nein. Auch wir an der Schule Leibstadt sind mit modernen Lernmethoden und -mitteln vertraut. Trotzdem darf man nicht dem Glauben verfallen, mit digitalen Mitteln lasse sich die Wirksamkeit des schulischen Lernens massiv steigern. Medien und Technik sind immer Mittel zum Zweck. Sie entfalten ihre Wirkung erst in Verbindung mit pädagogischer Kompetenz. Vergessen wir nicht: Beim Lernen von Mensch zu Mensch, vor Ort im Schulzimmer, entsteht eine Atmosphäre, eine Stimmung, die lässt sich nicht am Bildschirm generieren. Das wissen wir nicht nur dank John Hattie.

Sie erwähnen den neuseeländischen Bildung­s­wissenschaftler, der in einer Mammutstudie alle weltweit verfügbaren Studien analysiert und die Einflussfaktoren auf das Lernen bewertet hat.

Genau. Und seine wichtigste Erkenntnis fasst er wie folgt zusammen: Das, worauf es ankommt, spielt sich im Unterricht ab, im Klassenraum, wo sich Lehrpersonen und Lernende begegnen. Die Rahmenbedingungen dagegen, also Strukturen, Prozesse, Lehrmittel, Infrastruktur, die Art und Weise von Leistungsbeurteilung, kurz: Themen, die in bildungspolitischen Debatten so leidenschaftlich und kontrovers diskutiert werden, haben nur geringen Einfluss auf den Lernerfolg. Auf die Lehrerin oder den Lehrer kommt es an.

Wie haben Sie reagiert, als der Bundesrat Mitte März die ausserordentliche Lage ausgerufen und die Schulen schweizweit per Notverordnungsrecht von einem Tag auf den anderen geschlossen hat?

An der Oberstufe haben wir innerhalb von circa zwei Wochen auf Bildschirmunterricht umgestellt. Wir vereinbarten konkrete Lernfenster, in denen Schüler und Lehrer via PC in Kontakt standen. Dies klappte ganz gut, erforderte aber auch einiges an Improvisation und Kreativität. An der Primarschule erhielten die Schülerinnen und Schüler von den Lehrpersonen einen Wochenplan, erledigten Aufträge und brachten diese zu fixen Zeiten in die Schule. Wir erstellten so eine Art Fahrplan, damit nicht zu viele Kinder gleichzeitig im Schulhaus waren. Der Kontakt und Austausch zwischen Lehrperson und Eltern lief primär über Whatsapp-Chat. Was sich deutlich zeigte: Es gab Schülerinnen und Schüler, die waren – wohl auch auf Anhalten der Eltern – unglaublich fleissig. Andere hingegen erledigten kaum Aufträge oder nur das absolute Minimum.

Sie sprachen von Improvisation und Kreativität. Hat die Coronakrise neue Kommunikationsformen in Gang gebracht, die sich bewährt haben und die man für die Zukunft beibehalten wird?

Wir werden die digitale, extra für Schulen konzipierte App KLAPP definitiv einführen. Damit kann man Nachrichten, Dokumente und Termine mit Eltern, einzelnen Lernenden oder ganzen Klassen austauschen. Die Zielgruppe ist individuell wählbar. Pro Jahr und Schulkind fallen da sechs Franken an Kosten an. Im Gegenzug fallen Kosten für Fotokopien weg. Der Vorteil: Mit dem Tool ist sichergestellt, dass die Informationen nicht vergessen werden oder auf dem Schulweg verloren gehen, sondern zuverlässig beim Empfänger ankommen. Diese App war mir schon vor Corona bekannt, aber erst die Krise zeigte die Dringlichkeit einer solchen Lösung und veranlasste uns schliesslich, sie flächendeckend anzuwenden. Auch den Fernunterricht möchten wir punktuell beibehalten. Dafür bietet sich das Fach «Medien und Informatik» an, das mit der Einführung des neuen Lehrplans ab Sommer 2020 neu im Stundenplan sein wird.

Zurück zum Lockdown. Was war für Sie als ­Schulleiter schwieriger: die Umstellung auf Fernunterricht per 15. März oder das Hochfahren des Präsenzunterrichts am 11. Mai mit unzähligen, teilweise kaum umsetzbaren ­Hygiene- und Distanzregeln?

Das Hochfahren funktionierte überraschend gut. Von einer Art «Trauma» wie andernorts beklagt kann bei uns keine Rede sein. Das hängt wohl auch mit der Kleinheit unserer Schule zusammen. Was die Distanz- und Hygienemassnahmen betrifft, sind wir pragmatisch unterwegs. Wir halten Abstand und stellen genügend Desinfektionsmittel zur Verfügung, tragen jedoch keine Masken. Für Lehrpersonen, wie etwa Heilpädagoginnen oder Logopädinnen, die mit einzelnen Kindern teilweise sehr eng und intensiv zusammenarbeiten, gibt es Trennscheiben aus Plexiglas oder Schutzvisiere. Wir sind glimpflich davongekommen, hatten bisher nur einen Schüler, bei dessen Vater Verdacht auf Corona bestand. Dieser Schüler blieb zehn Tage lang zuhause und besucht jetzt wieder den Unterricht.

Zur Person

Ueli Zulauf (* 1957) ist ausgebildeter Primar­lehrer und seit bald zehn Jahren Schulleiter in Leibstadt und Full-Reuenthal (AG). In Kindergarten, Primarschule und Oberstufe werden dort total 145 Kinder von 30 Lehrpersonen unterrichtet. Ueli Zulauf hat zuvor zehn Jahre lang als Primarlehrer unterrichtet und war als solcher auch mit dem Zirkus Nock unterwegs. Später reiste er als Privatlehrer mit einer Artistenfamilie ins Ausland. Sieben Jahre lang amtete er als Sekretär bei der Zürcher Sektion des LCH, wo er sich in intensiven und ­turbulenten Debatten als Antipode des ­damaligen, streitbaren CVP-Erziehungs­direktors Ernst Buschor behauptete.