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Der Tanz ums Kind

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Der Tanz ums Kind

Kolumne | 12. Mai 2020

An den meisten Tagen steht man morgens nicht auf mit einer genauen Vorstellung von der Mutter, die man gerne sein möchte. Ausgereifte Erziehungskonzepte sind ­etwas für Bücher, nicht für den Alltag. In dem steckt oft mehr Reflex als Reflexion. Doch es gibt Situationen, in denen einen die Reflexe der anderen Eltern zur Reflexion ­bringen.

Zur Autorin: Nicole Althaus ist Kolumnistin, Autorin und Chefredaktorin Magazine der NZZ. Sie hat zuvor den Mamablog für Tages­anzeiger.ch lanciert und das Familienmagazin «wir eltern» geleitet und neu positioniert. Nicole Althaus hat zwei ­Töchter im Teenageralter und lebt in der Nähe von Zürich.

Kürzlich etwa habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht meinen Töchtern zu wenig Anerkennung zolle. Anders als ich hüllten die Bekannten, die wir in den Bergen besuchten, ihre Kinder permanent in einen warmen Mantel elterlicher Bewunderung. Was die Kinder auch taten, sie wurden dafür gelobt. Die Tochter etwa, zweifellos ein äusserst smarter und belesener Teenager, gab gerne ihr angesammeltes Wissen zum Besten. Fragte man sie nach der Zeit, bekam man eine Einführung in die Mechanik des Uhrwerks mitgeliefert. Und ihre Eltern hörten ihr andächtig zu. Immer. Zuerst bewunderte ich die Vorträge, die ein weichgekochtes Ei schon zum Frühstück auslösen konnte. Gegen Schluss des Wochenendes aber begannen sie mich zu irritieren. Beziehungsweise mich irritierte, wie wenig Redezeit die Eltern am Tisch beanspruchten und wie dominant die Kinder waren.

Gleichzeitig befiel mich der mulmige Gedanke, dass ich meine Mädchen vielleicht in ihrer natürlichen Neugier beschnitten habe, weil ich sie nicht durch den Alltag applaudierte wie eine Gruppe Cheerleader. Lob verleiht Flügel, heisst es. Habe ich meine Kinder nicht fliegen gelehrt?

Während also die Eltern des Mädchens an seinen Lippen hingen und meine Teenager sich ungerührt vom Vortrag über die Beschaffenheit der Eierschale über ihre eigenen Frühstückseier hermachten, sinnierte ich über das Zuviel oder Zuwenig elterlicher Bewunderung. Würde sich meine Jüngere ebenfalls über die unglaubliche Stabilität der dünnen Schale Gedanken machen, statt profan das Ei zu köpfen, wenn ich sie in all den Jahren ihres Heranwachsens für ihre Entdeckungen und Interessen mehr bewundert hätte?

Ich gehöre nicht zu den Müttern, die ihrem Nachwuchs den ganzen Tag mit einem «Bravo» auf den Lippen nachrennen. Wenn meine Tochter einen perfekt getimten sarkastischen Kommentar platziert, lache ich herzlich. Wenn sie aber, was auch nicht selten vorkommt, schnell einen Text hinpfuscht und mir erwartungsvoll unter die Nase hält, dann sag ich schon mal, dass ich von dem jetzt nicht beeindruckt bin. Ich gehe grundsätzlich mit der Psychologie einig, dass sich Lob abnutzt wie jede Form der Begeisterung, die überdosiert wird. Und angesichts der jungen Praktikanten im Büro, die permanent Aufmerksamkeit verlangen, frag ich mich, ob daran möglicherweise eine Generation an Eltern schuld ist, die Lob mit einem Tanz ums Kind verwechselt hat.


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