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Kompetenzhäppchen
Eine mutiges Gämslein, das gerne mal aus der Reihe tanzt, erarbeitet sich Kompetenzen, die für die gesamte Herde von grossem Nutzen sein werden.
- Veröffentlicht:22.04.2026
- Autorin:Lorenz Pauli
- Bild:Daniel Müller
Die jungen Gämsen durften sich neue Kompetenzen aneignen. Klettern war angesagt. Die grossen Gämsen wählten Pfade und Felsen, die als Lernobjekte taugten. Sie zeigten, wie es ging, gaben Ratschläge und ermahnten, wo nötig.
Eine der unterrichtenden Gämsen stutzte plötzlich. Sie zählte nach. Eines der Gämslein fehlte. Das Gelände war nicht schwierig, ein Absturz kaum möglich. Wo war das Jungtier nur? Sie suchte. Bald suchten alle. Endlich fanden sie die fehlende Junggams. Sie war bei der steilen Felswand geblieben, an deren Fuss alle anderen munter vorübergehüpft waren. Das Gamskind versuchte, von Felsvorsprung zu Felsvorsprung an der fast überhängenden Felswand hochzuklettern. Die grossen Gämsen schüttelten den Kopf: «Zuerst musst du lernen, kleine Sprünge zu machen. Du musst dir die Wege merken, auf denen du gefahrlos vorwärtskommst. Du musst lernen, auf breiten Simsen zu balancieren. Diese hier sind zu schmal. Du musst lernen, wie man über kleine Spalten hüpft. Diese hier sind zu breit. Du musst das lockere Gestein dort einschätzen lernen, wo es nicht gefährlich ist, wenn ein Stein plötzlich wegrutscht.»
Doch das Zicklein zickte. «Nein. Ich will nicht Häppchen, ich will das Ganze.»
Die ausgewachsenen Gämsen ahnten: Irgendwann würde das Jungtier schon zur Einsicht kommen, und sie übten weiterhin mit den willigen Gämslein, wie man sich im Gelände bewegt. Schritt für Schritt.
Als die Gruppe schliesslich den Gipfel erreichte, waren alle stolz. Sie blickten in die Weite, blickten hinunter und entdeckten die sture, kleine Gams auf halber Höhe in der Felswand. Es wurde gemeckert und gelacht.
Endlich war die Felswandkletterin auch oben – müde, aber glücklich.
«Siehst du?», sagte eine grosse Gams, «wir waren schneller und sind nun weniger ausser Atem als du. Und wo hast du dir diese Schramme am Bein geholt?»
Die anderen Jungtiere nickten selbstgefällig.
Ihr Nicken war daran bestimmt nicht schuld, aber plötzlich setzte ein Zittern, Grollen und Rumpeln ein. Der ganze Berg schien in Bewegung zu geraten! Felsblöcke fielen zu Tal, Geröllhalden verschoben sich tosend; wo Alpenrosen gestanden hatten, gab es jetzt nur noch eine Steinwüste. Endlich lichtete sich der Staub.
Alle Gämsen waren noch da. Ratlos sahen sie ins Tal. Dorthin wollten sie zurück. Aber wie? Niemand kannte sich aus. Und diese Abfolge von verschiedenen Sprüngen, diese Kombination aus Balancieren und Hüpfen hatten sie nicht geübt. Zudem: Die bekannten Wege, die für ihre Kompetenzen massgeschneidert gewesen waren, gab es nicht mehr.
Die eigenwillige Junggams sah weniger verschüchtert aus als manches Alttier. Interessiert blickte sie auf die neue Landschaft und begann mit dem Abstieg.
Die anderen folgten ihr, so gut es ging.
Was in der Fabel nicht steht:
Ja, die Schramme am Bein tat weh.
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