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«Die schulische ­Integration ist mir ein grosses Anliegen»

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Dagmar Rösler ist Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH).

«Die schulische ­Integration ist mir ein grosses Anliegen»

Interview | 03 September. 2019

Per 1. August 2019 hat Dagmar Rösler das Zentralpräsidium des LCH von Beat W. Zemp übernommen. Im Gespräch erklärt sie, wo sie Schwerpunkte setzen will, was ihr am Herzen liegt und was sie glücklich macht.

Dagmar Rösler ist Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH).

Frau Rösler, was hat Sie dazu bewogen, sich als Zentral­­präsidentin des LCH zur Verfügung zu stellen?

Dagmar Rösler: Ich finde es eine wichtige Aufgabe, den Lehrerinnen und Lehrern eine Stimme zu geben. Nach insgesamt 18 Jahren beim Verband Lehrerinnen und ­Lehrer Solothurn (LSO) war es an der Zeit, den Schritt auf die nationale Ebene zu wagen. Auch familiär passt es: Unsere Kinder sind nun im Teenageralter und nicht mehr so abhängig von mir. Schlussendlich war es aber ein Bauchentscheid; es stimmte für den Bauch und den Kopf.

Warum sind Sie für den Job geeignet?

Meine Erfahrungen im Kanton Solothurn sind eine gute Voraussetzung. Ich weiss, wie es politisch läuft, bin selbst Lehrerin und sah als Präsidentin des LSO viele Sparten der Schule, vom Kindergarten bis zum Gymnasium. Als Gemeinderätin von Oberdorf habe ich Einblick in die politischen Abläufe und weiss, wie die Politik funktioniert, wie die Politik die Schule sieht, und umgekehrt auch, wo der Schule der Schuh drückt. Das Zentralpräsidium ist ein sehr menschlicher Job, in dem es um die Sache geht. Ich bin ein sachlicher Mensch, der durchaus emotional sein kann, stütze mich aber gerne auf Fakten. Ich will wissen, wovon ich rede.

Welche Schwerpunkte wollen Sie als Zentral­präsidentin des LCH setzen?

Ich möchte eng mit den Kantonalsektionen zusammenarbeiten, diese leisten grosse Arbeit. Sie sind nahe bei den Lehrpersonen und wissen am besten, wie es in ihren Kantonen läuft. Ein Ziel wird sein, einen landesweiten Verband aufzugleisen, gemeinsam mit dem welschen Lehrerverband. In den nächsten vier bis sechs Jahren sollen die beiden Verbände ein gemeinsames Dach werden, damit wir eine gesamtschweizerische Stimme haben. Das kann uns zwar träger machen, aber auch stärker. Wir haben ähnliche Themen, auch ohne den Lehrplan 21. Die Digitalisierung etwa ist ein grosses Thema in der ganzen Schweiz. Sie ist ein weiterer Schwerpunkt: In der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen soll sie verstärkt beachtet werden. Generell bin ich der Ansicht, dass die Professionalität der Ausbildung weiter verbessert und vertieft werden muss. Die Schule übernimmt immer mehr Aufgabenbereiche, deshalb benötigt nun auch die Ausbildung eine Anpassung. Ein Bachelorabschluss für Primarlehrpersonen ist nicht mehr zeitgemäss.

Zur Person

Dagmar Rösler (*1971) hat am 1. August 2019 die Nachfolge von Beat W. Zemp angetreten und das Zentralpräsidium des LCH übernommen. Zuvor war sie 18 Jahre lang für den LSO im Einsatz, seit 2011 als Präsidentin. Daneben pflegt sie ein kleines Pensum als Primar­lehrerin. Dagmar Rösler wohnt in Oberdorf (SO), wo sie auch Gemeinderätin ist. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

Was sind weitere Schwerpunkte?

Die öffentliche Schule soll gestärkt werden. Ich bin gegen die freie Schulwahl, das würde zu einem absoluten Chaos führen. Geld und Ressourcen sind bei der öffentlichen Schule ein grosses Thema; ich möchte verhindern, dass Abbaumassnahmen die Schule weiter schwächen. Die Bildungskosten sind hoch und in Kanton und Gemeinde jeweils ein grosser Budgetposten, doch die Schule übernimmt eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft, darum erachte ich es als falsch, wenn in der Bildung Leistungen abgebaut werden.

Auch das Image von Lehrerinnen und Lehrern ist mir ein Anliegen. Ich finde, dass Lehrerinnen und Lehrer zu wenig Anerkennung erhalten für das, was sie leisten. Ausser­dem haben sie immer noch mit dem falschen Vorurteil zu kämpfen, 13 Wochen Ferien zu haben. Wie in der Gesellschaft über einen Beruf geredet wird, beeinflusst die Berufswahl der Jungen. Bei Lehrpersonen sieht die Öffent­lich­keit nicht – oder will es nicht sehen –, dass Lehrpersonen nicht nur unterrichten, sondern noch viele andere Arbeiten erledigen: Sie führen Elterngespräche, korrigieren Prüfungen, machen Weiterbildungen, planen Schulreisen und Lager, um nur einige zu nennen.

Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Die schulische Integration ist mir ein grosses Anliegen. Ich sehe sie als Chance, doch entsprechende Ressourcen sind zentral. Ob die Integration gelingt oder nicht, steht und fällt mit den Ressourcen. Aber auch Lehrpersonen müssen bereit sein, unterschiedliche Kinder zu akzeptieren. Mit zunehmender Heterogenität wird der Unterricht unglaublich anspruchsvoll. Wegen der schulischen Integration und der grossen Heterogenität werden gute Lehrwerke umso wichtiger: Als Unterstützung beim Unterrichten braucht es breite Differenzierungsmöglichkeiten, sodass alle Kinder auch durch Lehrmittel in ihrer Entwicklung unterstützt werden.

Ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang ist die Chancengerechtigkeit. Studien zeigen, dass es für den Berufserfolg immer noch entscheidend ist, aus welcher Bildungsschicht jemand stammt. Deshalb befürworte ich frühkindliche Förderung und Tagesstrukturen, die Kindern einen Ort bieten, an dem sie lernen können. In Sachen Tagesstrukturen ist die Schweiz ein Entwicklungsland. Es harzt unglaublich. Es geht halt um viel Geld, und die Politik macht nicht vorwärts. Die Betreuung muss der Schule angegliedert werden, damit die Kinder profitieren. Jede Gemeinde sollte solche Tagesstrukturen anbieten, diese müssen aber für alle bezahlbar sein. In grossen Städten funktioniert es bereits ganz gut, in kleineren Gemeinden weniger.

Wo drückt Lehrpersonen am meisten der Schuh?

Ein grosses Thema ist die riesige Heterogenität, sie ist sehr anspruchsvoll. Wie vorhin erwähnt, ist die Arbeit der Lehrpersonen zu wenig sichtbar, sie erhalten zu wenig Wertschätzung für das, was sie leisten. Das wiederum führt dazu, dass einige ausbrennen, weil sie das Gefühl haben, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Elternarbeit ist ein wichtiger und schöner Teil des Lehrberufs. Wenn es dort aber Probleme gibt, ist das sehr belastend.

Das Zentralpräsidium des LCH ist ein politischer Job, zudem sind Sie ­Gemeinderätin von Oberdorf. Was fasziniert Sie an der Politik?

Ich bin bewusst parteilos, da ich mich in keine politische Ecke drängen lassen will. Die Auseinandersetzung mit meistens gesellschaftlich wichtigen Themen finde ich sehr interessant – man sitzt am Tisch mit ganz verschiedenen Meinungen, muss einen Kompromiss suchen und damit weitergehen. Zudem engagiere ich mich gerne und bin gerne unter Leuten.

Werden Sie weiter unterrichten?

Die Arbeit beim LCH ist ein 80-Prozent-Job. Ein kleines Pensum in der Schule werde ich weiterhin behalten. Ich unterrichte alle ­Fächer der 3. und 4. Klasse, was sehr spannend, vielseitig und bereichernd ist.

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In einem älteren Interview sagten Sie einmal: «Ich will mich für eine tragfähige, kindgerechte und lernfreundliche Schule im Sinne des Kindes ein­setzen.» Wie genau sieht diese Schule für Sie aus?

Schule und Unterricht können nur erfolgversprechend sein, wenn die Schülerinnen und Schüler gerne dorthin gehen, sich wohlfühlen, sich abgeholt und in ihrer Persönlichkeit akzeptiert fühlen. Das ist für mich eine kindgerechte, lernfreundliche Schule. Die Kinder müssen genau wissen, was erlaubt ist und was nicht, sie brauchen Grenzen. Klare Regeln sind wichtig.

Nun zu Ihnen als Privatperson: Was sind Ihre ­Hobbys? Wo finden Sie Ausgleich zum Berufsleben?

Ich habe ein eigenes Pferd, das ist für mich Erholung pur. Im Sattel braucht es grosse Konzentration, sodass ich die Arbeit kurzzeitig vergessen kann. Ein wichtiger Anker ist meine Familie. Ich finde es schön, mit der ganzen Familie am Tisch zu sitzen und einander vom Tag zu erzählen.

Was macht Sie glücklich?

Reiten; wenn etwas läuft; wenn ich mit anderen Leuten zusammen bin: Das tut mir gut.

Was bringt Sie auf die Palme?

Grossmäuler und Menschen, die andere manipulieren, Falschaussagen verbreiten, um ans Ziel zu kommen.

Warum sollte jemand den Lehrberuf wählen?

Weil Lehrerinnen und Lehrer einen wahnsinnig wichtigen Beitrag an die Gesellschaft leisten. Sie können viel bewegen. Ich finde den Beruf sehr abwechslungs- und lehrreich, man kann viel gestalten und entscheiden. Jeder Tag ist anders, das hält wach und flexibel. Wenn man es schafft, den Humor zu behalten und das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler zu gewinnen, ist es ein sehr bereichernder Beruf. Es gibt auch immer wieder berührende Erlebnisse. Einmal etwa mussten die Schülerinnen und Schüler für eine Exkursion in eine Höhle eine Taschenlampe mitbringen. Ein Kind kam mit einer Nachttischlampe. Solche Erlebnisse bleiben.

Haben Sie Tipps für frischgebackene Lehr­personen?

Lehrerinnen und Lehrer sind ein Kraftwerk und müssen schauen, dass sie selbst irgendwie wieder Kraft tanken können. Wichtig ist, humorvoll zu bleiben. Mit Humor lassen sich viele Probleme lösen. Hilfreich ist auch, eine gute Verbindung zu den Eltern aufzubauen sowie eine klare eigene Linie zu haben. Man kann es sowieso nie allen recht machen.