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«Der Dialog mit den Lehrpersonen wird noch wichtiger»

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«Lehrmittel sind nach der Lehrperson der wichtigste Faktor für einen gelingenden Unterricht», sagt Patrik Wettstein, seit November 2020 Geschäftsführer von Klett und Balmer

«Der Dialog mit den Lehrpersonen wird noch wichtiger»

Wechsel in der Geschäftsführung | 11. Januar 2021

Patrik Wettstein ist seit Kurzem Geschäftsführer von Klett und Balmer. Ein Gespräch über seine Motivation und seine Vorstellungen für den Verlag, über Digitalisierung, ­Homeschooling und Lehrmittelfreiheit.

«Lehrmittel sind nach der Lehrperson der wichtigste Faktor für einen gelingenden Unterricht», sagt Patrik Wettstein, seit November 2020 Geschäftsführer von Klett und Balmer

Zur Person

Dr. Patrik Wettstein ( * 1964) stammt aus ­Basel. Dort studierte er Ökonomie und ­promovierte am Institut für Volkswirtschaft zum Doktor der Staatswissenschaften. 1994 führte ihn sein Berufsweg ein erstes Mal nach Zug, und zwar zur Kantonalbank. Inzwischen gehört er seit zehn Jahren ihrem Verwaltungsrat an.

Weitere Stationen waren die ABB in Baden und das Beratungsunternehmen Price­waterhouseCoopers, wo Patrik Wettstein hauptsächlich KMU in strategischen und operativen Themen begleitete. Von 2002 bis 2008 war er Geschäftsführer des weltweit tätigen Sportbekleidungs­herstellers Odlo Sports Group mit Sitz in Hünenberg ( ZG ). In den letzten Jahren ­leitete er Start-ups und war als Interim-Manager aktiv.

Patrik Wettstein ist Vater dreier Primarschulkinder und lebt mit seiner Familie in Hünenberg.

Wir führen dieses Interview Ende Oktober 2020. Per 1. November übergibt Ihnen Irene Schüpfer die Leitung von Klett und Balmer. Fühlen Sie sich gut ­vorbereitet auf die neue Aufgabe?

Patrik Wettstein: Ja, das tue ich. Ich hatte das Glück, in den letzten Wochen bereits bei allen wesentlichen Geschäften dabei zu sein. Irene Schüpfer hat mich sehr detailliert eingeführt. Ich sah bestätigt, dass ich ein äusserst gut bestelltes Haus übernehmen darf. Dazu kommt, dass mein bisheriger beruflicher Weg durch breite Erfahrung gerade im KMU-Bereich und entsprechende Führungsverantwortung geprägt ist. Auch wenn das Bildungswesen bisher nicht dabei war – einmal abgesehen von der Vollzeitassistenz an der Uni Basel –, kann ich auf dieses Rüstzeug aus verschiedenen Branchen zurückgreifen. Und ich denke mich gerne schnell in ein neues Umfeld ein.

Bitte erzählen Sie noch etwas über sich und wie Sie zum Verlag gekommen sind.

Ich bin jemand, der schon immer breit interessiert war. In meinem ganzen Berufsleben war jeweils entscheidend, ob ich Emotion für die Produkte und die Tätigkeit entwickeln konnte. Als ich Vater wurde, eröffneten sich ganz neue, faszinierende Themenfelder. Mit dem Schuleintritt der Kinder kamen weitere dazu. Es reifte der Wunsch, im Bildungswesen etwas mitzugestalten und sich nicht nur auf die Elternrolle zu beschränken. Als sich die Möglichkeit auftat, mich als Geschäftsführer des grössten privaten Schweizer Lehrmittelverlags zu bewerben, galt es, diese Chance zu packen.

Was reizt Sie an diesem Umfeld?

Bildung halte ich für das zentrale Thema der Gegenwart und erst recht der Zukunft. Hier einen Teil beitragen zu können, also Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihrem Lernen aktiv zu unterstützen, anregende und vielfältige Lernumgebungen zu bieten, betrachte ich als Privileg. Lehrmittel sind ein tolles Produkt und nach der Lehrperson der wichtigste Faktor für einen gelingenden Unterricht.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Schule und Lehrmitteln?

Ich habe gute Erinnerungen an meine eigene Schulzeit. Aber das war in einer Zeit des Frontalunterrichts und jahrzehntealter Lehrbücher. Das Highlight bildeten für mich jeweils Dokumentationen des Schulfilmdienstes in Schwarz-Weiss, etwa zu einer Kohlezeche im Ruhrgebiet. Als mein erstes Kind eingeschult wurde, habe ich dann selbst gesehen, wie viel sich verändert hat und was alles möglich ist. Davon war ich begeistert und bin es bis heute.

Wie haben Sie das Homeschooling im Lockdown erlebt?

Das war eine spannende und gleichzeitig anstrengende Zeit für die ganze Familie. Sie hat uns digital ohne Zweifel weitergebracht. Es war beeindruckend, wie schnell die Lehrpersonen den Fernunterricht aus dem Boden gestampft haben. Und wie gut die Kinder damit zurechtkamen. Aber meine Frau und ich haben auch festgestellt, dass diese Unterrichtsform auf Dauer die Beziehungsarbeit im Präsenzunterricht nicht ersetzt. Diese Zeit hat uns nochmals einen neuen Blickwinkel geöffnet für das, was Lehrerinnen und Lehrer täglich leisten.

Covid-19 hat vieles verändert. Wie ist es für Sie, in dieser Zeit die Geschäftsführung zu übernehmen?

Die Situation fordert jeder und jedem von uns viel ab. Da macht es wenig Unterschied, welche Position man im Unternehmen bekleidet. Entscheidend ist, dass alle an einem Strang ziehen. Und wir flexibel und mit individuellem Pragmatismus unser Geschäft und unsere Projekte am Laufen halten, ohne dass die Qualität leidet. Ich habe bislang einen hervorragenden Eindruck davon bekommen, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dies meistern. Aber natürlich wünscht man sich als neuer Geschäftsführer etwa, mal alle versammelt zu sehen – und endlich wieder Hände schütteln zu können.


Wo orten Sie die grössten Herausforderungen der Schule in den nächsten Jahren?

Da ist sicher einmal die Digitalisierung. Diese gilt es mit bewährten Methoden sinnvoll zu kombinieren. Und in gewissen Bereichen müssen wir mit Entwicklungen rechnen, die den Unterricht komplett umkrempeln werden. Weiter fordert uns die Heterogenität der Schülerinnen und Schüler – Lehrpersonen wie Lehrmittelverlage gleichermassen. Dazu kommen oft grosse Klassen.

Wie kann der Klett und Balmer Verlag dem ­begegnen?

Der Dialog mit den Lehrpersonen wird noch wichtiger. Das Gleiche gilt für valide Praxistests der Lehrmittel im Zuge ihrer Entwicklung. So entstehen geschätzte Alternativen zum Angebot der staatlichen Verlage. Dank dem einheitlichen Lehrplan 21 gibt es heute in allen Kantonen für praktisch jedes Fach eine Auswahl an guten Lehrwerken. Warum soll dann ein bestimmtes vorgeschrieben werden? Nicht jede Klasse hat die gleichen Bedürfnisse. Die Resultate sind häufig besser, wenn den Lehrpersonen die Wahl gelassen wird.

Welche Ziele, Wünsche, Vorstellungen haben Sie für den Verlag?

Ich möchte, dass wir als eigenständiges Klett-Unternehmen auch künftig erfolgreich Lehrmittel aus der Schweiz und für die Schweiz entwickeln. Die Voraussetzungen sind hervorragend: Der Verlag ist in den letzten Jahrzehnten nachhaltig gewachsen, das Programm wurde kontinuierlich ausgebaut. Das rund sechzigköpfige Team ist sehr kompetent und mit viel Herzblut dabei. Aktuell stecken wir mitten in einem Innovationsschub mit digitalen Konzepten und Materialien, die eine neue Art der Lernförderung versprechen. Das bedeutet, Investitionen zu tätigen und dabei die Risiken im Griff zu behalten.

Werden die Lehrpersonen merken, dass eine neue Persönlichkeit die Geschäftsführung von Klett und ­Balmer übernommen hat?

Ich hoffe, dass sie davon nichts merken. Auch mit mir an der Spitze wird sich im Verlag alles darum drehen, die Lehrerinnen und Lehrer in ihrer verantwortungsvollen Aufgabe möglichst gut zu unterstützen. Und ihnen Materialien an die Hand zu geben, mit denen sie ihre Schülerinnen und Schüler maximal, individuell und mit Freude fördern können.