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Altersdurchmischtes Lernen

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Altersdurchmischtes Lernen

Pro & Kontra | 3. Mai 2021

In diversen Schulen findet der Unterricht in altersdurchmischten Klassen statt. Während Marlis Nattiel dieses Modell als bereichernd für alle empfindet, kann René Walcher der Unterrichtsform nichts abgewinnen. Hier legen sie ihre Argumente und Meinungen dar.

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Marlis Nattiel, PH-Studienleiterin und Kindergartenlehrerin

Pro

Marlis Nattiel ist Dozentin Schuleingangsphase und Studienleiterin des CAS Altersdurchmischt unterrichten im Zyklus 1 an der PH Bern sowie Kindergartenlehrerin in der Stadt Bern.

Im Kanton Bern können seit 2013 Basisstufen eingeführt werden. Basis- und Grundstufen wurden mit dem Ziel konzipiert, der Heterogenität im Alter von vier bis acht gerechter zu werden. Die Schnittstelle zwischen Kindergarten und Unterstufe hatte durch die Norm der Schulreife zur Folge, dass unverhältnismässig viele Kinder als «minderleistend» eingestuft wurden. Diese mussten dann zurückgestellt oder in Einschulungsklassen an die Unterstufe herangeführt werden. Basis- und Unterstufen wurden zwischen 2002 und 2010 in einem Schulversuch begleitet. In den AdL-Settings Basisstufe und Cycle élémentaire werden zusätzliche Lektionen für Teamteaching zur Verfügung gestellt.

AdL bietet Kindern die Möglichkeit, sich in unterschiedlichen Rollen zu erfahren. Zu Beginn sind sie die Jüngsten und orientieren sich an den älteren Kindern – ältere Kinder sind Vorbilder, unterstützende Kameradinnen und Kameraden, können schon einiges. Junge Kinder entwickeln Vorstellungen von Lerngegenständen. Sie bauen Motivation und Bereitschaft auf, ohne dass sie bereits zeigen und leisten müssen. Selbsteinschätzung und Selbstwirksamkeit bekommen in einem altersdurchmischten Setting konkrete Vergleichsmöglichkeiten, um das eigene Können, Lernen und Leisten zu reflektieren.

Ältere Kinder können das Lernen jüngerer Kinder beobachten und erkennen, welche Wege sie bereits bewältigt haben. In der Unterstützung von jüngeren Kindern festigen sich zudem ihre eigenen Kompetenzen.

Kinder, die eine Basisstufe durchlaufen, sind einmal die Jüngsten und einmal die Ältesten. Die Zeit dazwischen – in der Regel vier Jahre – ist grosszügig. Die Erfahrungen des Rollen- und Perspektivenwechsels können so differenziert, gefestigt und bedeutsam werden.

AdL bietet Kindern die Möglichkeit, sich in unterschiedlichen Rollen zu erfahren.
Marlis Nattiel, PH-Studienleiterin und Kindergartenlehrerin

Basisstufen werden im Team unterrichtet und zu einem beträchtlichen Anteil im Teamteaching. Eine gute Zusammenarbeit erleichtert die Entwicklung des Unterrichts, entlastet in schwierigen Situationen und fördert die Begleitung der Lernprozesse.

Das «Mitbekommen» des Unterrichts der Kollegin oder des Kollegen erlaubt eine nuancierte Kenntnis des unterrichtlichen Handelns, ermöglicht substanzielles Feedback, Wertschätzung und kritische Auseinandersetzung.

Die Durchlaufzeit von drei bis fünf Jahren ermöglicht es Lehrpersonen, die Kinder in verschiedenen Phasen ihrer Lernprozesse wahrzunehmen. Die unterschiedlichen Rhythmen im Lernverhalten von Kindern, ihre Stärken und Schwächen können über längere Zeit begleitet und strukturiert werden.

Die Kontinuität der Gruppe – am Ende des Schuljahres verlässt nur ein kleiner Teil der Kinder die Klasse und zu Beginn des neuen Schuljahres kommen nur wenige dazu – macht das Classroom Management tragfähiger und entlastet die Lehrpersonen.

Allerdings: Bis eine Basisstufe aufgebaut ist, dauert es. Dieser Prozess ist sehr arbeitsintensiv und aufwändig, hat aber wiederum den Vorteil, dass Lehrpersonen Raum, Lern- und Spielumgebungen durchdringen und sich aneignen. Sie werden dadurch «curriculum-proof». Es sind die Lehrpersonen, die den Unterricht steuern, und nicht die Lehrmittel.

Ich bezweifle, dass die Basisstufen des Kantons Bern in der Metastudie von Hattie (siehe «Kontra») berücksichtigt worden sind. Der Schlussbericht der EDK-Ost (2010) stellte keine Leistungseinbussen in den Versuchsklassen fest.

Die Kritik Walchers richtet sich im Kern generell gegen offene Lehr- und Lernformen. Tatsächlich ist entdeckendes, forschendes Spielen und Lernen im AdL-Unterricht unumgänglich – die Strukturierung und Begleitung dieses Unterrichts ist anspruchsvoll. Die Analyse von Kunter und Ewald (2016) sowie die Ausführungen von Möller (2016) schliessen an die von Walcher angesprochenen Probleme des offenen Unterrichts an. Sie vermeiden aber eine Kapitulationserklärung an Lehr- und Lernformen, die die Entwicklung von forschenden Denk- und Arbeitsweisen begünstigen.

Quellen:

  • Möller, Kornelia: Bedingungen und Effekte qualitätsvollen Unterrichts – ein Beitrag aus fachdidaktischer Perspektive. In: Elvany, Bos, Holtappels, Gebauer, Schwabe (Hg.), «Bedingungen und Effekte guten Unterrichts». Waxmann 2016
  • Kunter, Mareike und Ewald, Silvia: Bedingungen und Effekte von Unterricht: Aktuelle Forschungsperspektiven aus der pädagogischen Psychologie. In: Elvany, Bos, Holtappels, Gebauer, Schwabe (Hg.), «Bedingungen und Effekte guten Unterrichts». Waxmann 2016
  • EDK-Ost 4bis8: Projektschlussbericht. Erziehung und Bildung in Kindergarten und Unterstufe im Rahmen der EDK-Ost und Partnerkantone. Schulverlag 2010
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René Walcher, ehemaliger Heilpädagoge

Kontra

René Walcher hat an der Universität Zürich Erziehungswissenschaft, Sozialpsychologie und Neue Geschichte studiert. Nach dem Lizenziat im Jahr 1981 war er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2017 im Schulbereich tätig, davon mehr als dreissig Jahre als Heilpädagoge in einer Einführungsklasse.

Frau Nattiels Argumentarium zugunsten von AdL tönt beeindruckend. Meines Erachtens müsste sich dieses Lernsetting auch in guten Schulleistungen niederschlagen.

Seit 2009, als die bahnbrechende erziehungswissenschaftliche Metastudie des Neuseeländers John Hattie publiziert wurde, wissen wir, dass dem nicht so ist. Hattie und sein Team hatten 50 000 Studien gesichtet, 138 pädagogische Methoden eruiert und sie in eine Rangfolge bezüglich Lernerfolg gestellt. Zu AdL lagen 94 Studien vor. Diese Methode landete abgeschlagen auf Platz 131! Um die Unterrichtsqualität zu verbessern, ist AdL ungeeignet und Mehrfachklassen sollten vermieden werden.

Warum schneidet AdL so schlecht ab? Das hat meiner Ansicht nach vor allem damit zu tun, dass die Lehrperson bei dieser Art der Unterrichtsorganisation infolge der grossen Heterogenität der Schülerschaft gezwungen wird, von einem lehrpersonenzentrierten Unterricht Abschied zu nehmen und Lernformen zu favorisieren, bei denen die Kinder eigenständig mit individualisierenden Lehrmitteln arbeiten. Die Lehrperson fungiert eher als Coach und weniger als Leader. Die erziehungswissenschaftlichen Studien zeigen aber, dass eine solche Vorgehensweise mit schlechten Schulleistungen einhergeht. Alle entsprechenden Methoden wie zum Beispiel «Individualisierung» oder «offene Lernformen» schneiden schlecht ab.

Überdurchschnittlich erfolgreich ist hingegen ein Unterricht, bei dem die Lehrperson klar die Führung innehat und einer relativ homogenen Gruppe den Lernstoff in kleinen und logisch aufeinander aufgebauten Schritten näherbringt. Differenziert und individualisiert wird ebenfalls, aber nur in zeitlich begrenzten Übungsphasen und bei gleichzeitig enger Überwachung durch die Lehrperson.

AdL ist keine erfolgversprechende Unterrichtsmethode. Zudem ist sie für die Lehrpersonen höchst herausfordernd und verlangt einen enormen Einsatz.
René Walcher, ehemaliger Heilpädagoge

Exemplarisch für obige Befunde steht eine deutsche Studie von 2018, in der die Rechtschreibeleistungen von mehr als 3000 Grundschulkindern untersucht wurden. Lehrpersonenzentrierte Leselehrgänge, sogenannte Fibellehrgänge, erbrachten klar bessere Leistungen als Methoden, bei denen die Kinder selbstständig mit individualisierenden Materialien arbeiteten. Zu den unterlegenen Methoden gehörte der in der Schweiz verbreitete Leselehrgang «Lesen durch Schreiben». Unschwer zu erraten, passt gerade dieser Lehrgang zum Unterricht in Mehrfachklassen. Fibeln dagegen lassen sich nur in Jahrgangsklassen produktiv anwenden.

AdL ist also keine erfolgversprechende Unterrichtsmethode. Zudem ist sie für die Lehrpersonen höchst herausfordernd und verlangt einen enormen Einsatz, was auch Frau Nattiel betont. Daher neigen Behörden und Schulleitungen gemäss Studien aus dem angelsächsischen Bereich dazu, Mehrfachklassen vor allem erfahrenen und führungsstarken Lehrpersonen anzuvertrauen und lernschwache Kinder, wenn immer möglich, in Jahrgangsklassen zu belassen, wahrscheinlich im Bewusstsein, dass man in solchen Lernsettings scheitern kann, und zwar sowohl als Lehrperson als auch als Schülerin oder Schüler. Bei zu viel Heterogenität droht drastisch ausgedrückt das Chaos oder die allgemeine Überforderung!

Nicht unproblematisch ist zudem, dass AdL gegenüber konventionellem Lernen zu vermehrt schriftlichem und weniger mündlichem Unterricht führt. Vor allem in Deutsch und Mathematik wird der Unterricht gerne auf Arbeitsblätter oder Lerndossiers heruntergebrochen. Im schlimmsten Fall sitzen die Kinder stundenlang über Arbeitsblättern, die es selbstständig in Einzelarbeit abzuarbeiten gilt. Dass der Englisch- und Französischunterricht so nicht funktioniert, scheint aber selbst AdL-Enthusiasten klar zu sein. So wird in diesen Fächern in der Regel die Altersdurchmischung wieder zurückgenommen und konventionell mit homogenen Jahrgangsklassen operiert.

Übrigens ist Hatties Unterfangen ein «work in progress». Mittlerweile hat das Team 80 000 Studien ausgewertet und 252 pädagogische Methoden eruiert. Im letzten Update von 2017 liegt AdL immer noch auf den hintersten Rängen. Zu mehr als Platz 229 hat es nicht gereicht!

Genaue Quellenangaben finden sich auf der Website von René Walcher: walcher1.magix.net


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