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Zeitreise

Eine sinnstiftende Arbeit

Mit Hans Utz verabschiedet sich aus dem Team der «Zeitreise» ein Autor, der dieses Lehrwerk stark mitgeprägt hat. Wir schauen mit ihm auf über ein halbes Jahrhundert im Bildungswesen und in der Geschichtsdidaktik zurück.

Es begann mit Vertretungsstunden im Gymnasium, an dem Hans Utz selbst noch Schüler war. «In den 1960er-Jahren mangelte es an Lehrkräften, und so mussten oft Lernende aus den oberen Klassen einspringen.» Mit einem Fünfliber pro Stunde war dieser Schülerjob zwar nicht sehr lukrativ, aber er weckte die Freude am Unterrichten. 

Und er sollte den Grundstein für eine lange Laufbahn im Bildungswesen legen. Sechzig Jahre später, im Sommer 2026, ist Hans Utz in der PH Luzern anzutreffen. Er schliesst gerade letzte Projekte ab, an denen er hier mitgearbeitet hat. Eines davon: Band 2 der neuen «Zeitreise». 

 

Lehrer und Didaktiker

Zeitreise Lehrmittelautor Hans Utz PH Luzern Inhalt
Hans Utz im Sommer 2026 in der PH Luzern

Im Gespräch geht die Reise zunächst wieder zurück in Hans Utz' Biografie: Nach der Matura folgte ein Studium der Altphilologie und Geschichte, das er für das höhere Lehramt abschloss. Danach promovierte er in Berlin mit einer Arbeit über die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) in den 1920er-Jahren. Den akademischen Weg wollte er jedoch nicht einschlagen, sondern Lehrer sein. 

So startete der gebürtige Berner in den 1970er-Jahren am Gymnasium Oberwil im Baselbiet. Dort arbeitete er fast vierzig Jahre, einige davon als Rektor. Als er dieses Amt weitergab, führte ihn ein Sabbat-Semester an eine Partnerschule in der Ukraine. «Mit wenig Material ausgestattet, sah ich mich didaktisch nochmals ganz neu herausgefordert. Das war 2001 – und eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.» 

Nach der Rückkehr gesellte sich zum Unterrichten am Gymnasium der Einsatz als Fachdidaktiker an der PH der FHNW: «Diese Kombination befruchtete sich gegenseitig.»

2013 stand die Pensionierung an. Die Berufstätigkeit bereitete Hans Utz weiterhin viel Freude, sodass er seinem Chef Peter Gautschi an die PH Luzern folgte, um in der Praxisausbildung mitzuwirken und einer seiner Passionen nachzugehen: an Lehrmittelprojekten mitzuarbeiten.

 

Lehrmittelautor mit Herzblut

Seit 1975 hatte Hans Utz immer wieder Lehrmittel mitverfasst, bis in die 1990er-Jahre hinein die «Weltgeschichte im Bild». Mit diesem Lehrwerk lernten mehrere Schweizer Schülergenerationen im 3. Zyklus Geschichte. 

Ebenfalls für diese Schulstufe nahmen Jahre später die PH Luzern und der Klett und Balmer Verlag die Entwicklung der Schweizer Adaption der «Zeitreise» auf. Hans Utz war von Anfang an im Autorenteam und prägte das erfolgreiche Lehrwerk massgeblich mit. Für die Neuausgabe hat er bei den ersten beiden Bänden Skizzen und Manuskripte erstellt sowie Kopiervorlagen und die IF-Materialien überarbeitet. 

Warum würde er die Mitarbeit an Lehrmitteln anderen empfehlen? «Da ist einmal der faszinierende Prozess von Konzept über Aufbereitung, Redaktion, Gestaltung, Erprobung, Überlegungen zu Vertrieb und kommerziellen Aspekten bis hin zum fertigen Produkt.» Er mag das Zusammenspiel im Team. «Und es reizte mich stets, Wissenschaft mit Vermittlung zu verbinden – also mit der Praxis. Die Arbeit ist sinnstiftend und hat eine Wirkung.» 

Besondere Freude bereitet es Hans Utz, neue Quellen zu finden, um jungen Menschen die Vergangenheit nahezubringen und eine Verbindung zu ihrer eigenen Lebenswelt herzustellen. 

Aus seiner Feder stammen auch die «Kopiervorlagen Film» zur «Zeitreise 3»: Damit lassen sich Quellen aus der «Schweizer Filmwochenschau» erschliessen und aus heutiger Sicht interpretieren. Dieses Zusatzangebot erschien 2021, dem Jubiläumsjahr «Fünfzig Jahre Frauenstimmrecht». Hans Utz verfasste für das Magazin «Rundgang» damals eine «Lektion to go», die für die Zeit vor 1971 sensibilisiert – und dafür, dass politische noch nicht gesellschaftliche Gleichstellung bedeutet. Die «Lektion to go» ist weiterhin aktuell und lässt sich hier herunterladen:
Was ist Emanzipation?

 

Vom Erzählfach zum Output

Hans Utz überblickt somit mehr als ein halbes Jahrhundert als Lehrer und Didaktiker im Fach Geschichte. 

Er teilt diese Zeit in vier Phasen ein: «Zuerst war es ein Erzählfach – die Klasse reproduzierte, was die Lehrperson vermittelte. In den 1970er-/1980er-Jahren kamen Quellen dazu. Das hing auch mit der Schulreform zusammen. Daraus entwickelte sich in den 1990er-/2000er-Jahren die Frage nach der sogenannten Aneignung, heute sagt man eher Output: Wie nehmen die Lernenden den Stoff am besten auf? Neue Methoden und erweiterte Unterrichtsformen hielten Einzug.» Und die vierte Phase? «Sie folgte mit dem Lehrplan 21 und mit der Möglichkeit, digitale Räume zu schaffen und zu bespielen.» 

Diese Schulreform hat Hans Utz sehr geprägt. Am Lehrplan 21 begrüsst er, dass Geschichtsunterricht nicht mehr bei 1945 aufhört und Politische Bildung und Medienbildung Platz haben. Er teilt die Überzeugung vieler, die Schule könne dem derzeitigen Druck auf Menschenrechte und Demokratie etwas entgegensetzen. 

Zeitreise Lehrmittelautor Hans Utz mit Weltgeschichte

Blick zurück: An der «Weltgeschichte» für die Sekundarstufe II hat Hans Utz fast so lange mitgearbeitet wie am heutigen Lehrwerk «Zeitreise». 

 

Wie erlebt Hans Utz es, dass Lehrpläne und Lehrmittel zunehmend ein Politikum sind und einzelne Schulen oder Lehrpersonen im Kreuzfeuer der Kritik stehen? «Internet und Social Media haben da sicher vieles zum Unguten verschärft. Mit Blick auf andere Weltregionen meine ich aber, dass wir es in der Schweiz insgesamt ganz gut haben. Bei den Lehrplänen, die den Lehrmitteln zugrunde liegen, greift das Konsenssystem.» 

 

Kontroversen abbilden

Hans Utz nennt ein Beispiel, wie beim Lehrplan 21 Partikularinteressen austariert wurden: Konservative Kräfte hätten dafür gesorgt, dass die Schweizer Geschichte mehr Gewicht erhält – progressive Kräfte dafür, dass sie gegenwartsbezogen vermittelt wird. 

Bei der Ausgestaltung der Lehrmittel gilt für ihn: «Wenn wir von konservativer und von progressiver Seite für einzelne Inhalte kritisiert werden, haben wir es richtig gemacht.»

Wenn wir von konservativer und von progressiver Seite für einzelne Inhalte kritisiert werden, haben wir es richtig gemacht.
Hans Utz über die Arbeit an Lehrmitteln für Geschichte und Politik

Wichtig sei, bei umstrittenen Themen alle Sichtweisen aufzuzeigen, idealerweise mit Quellen. Die Lernenden sollen – ganz im Sinn des Outputs – ihr eigenständiges kritisches Denken trainieren, sich eine Meinung bilden und diese vertreten können.

Als sprechendes Beispiel dafür nennt Hans Utz einen kontroversen Einstieg. In der neuen «Zeitreise 1» startet etwa eine Themeneinheit mit zwei Bildern von Kolumbus: Einmal ist er als Held dargestellt, einmal wird seine Statue vom Sockel gestossen (Abbildung unten).

Als Lehrmittelautor und Lehrer achtete er darauf, unterschiedliche Sichtweisen abzubilden – möglichst ohne die eigene Haltung durchblicken zu lassen. Und wenn er nach dieser gefragt wurde? «Dann habe ich auf die Pause oder eine andere Zeit ausserhalb des Unterrichts verwiesen: ‹Da sage ich dir, wie ich selbst darüber denke›.» Damit sei er gut gefahren. 

 

Verschiedene Sichtweisen aufzeigen: In der neuen «Zeitreise» mutmassen die Siebtklässlerinnen und Siebtklässler am Anfang der Themeneinheit «Europa in der Welt», warum Kolumbus einmal als Held dargestellt und einmal vom Sockel geholt wird. Bei den Aussagen kreuzen sie an, wie sie dazu stehen – am besten tun sie das am Schluss des Themas dann erneut. 

 

Als der Kopierer kam – und die Digitalisierung

Nicht nur didaktisch und inhaltlich, sondern auch technologisch ist in diesen Jahrzehnten viel passiert. 

Als Hans Utz in den 1980er-Jahren schon einmal für Klett und Balmer als Autor tätig war, kamen die «Materialien zur Geschichte und Politik in der Schweiz» zwar gut an, floppten jedoch wirtschaftlich. «Just in der Produktionszeit hielt der Kopierer Einzug an den Schulen, die dann bloss ein einziges Exemplar des Lehrwerks anschafften und dafür das neue Gerät heisslaufen liessen. Das Bewusstsein für ‹share fair› war noch nicht vorhanden und dieser Technologiesprung nicht vorhersehbar gewesen.» 

Die Chancen der Digitalisierung wusste auch Hans Utz zu schätzen und zu nutzen, als Lehrer und Dozent wie als Autor. «Dass ich meine Texte inzwischen meist direkt in ein System einspeisen kann, macht die Abläufe viel einfacher.» 

Schülerinnen und Schüler lesen heute weniger, haben aber andere Kompetenzen. Ich bin da nicht kulturpessimistisch.
Hans Utz dazu, dass heute kürzere Texte und vielfältige Medien gefragt sind

Auf die Zusammenarbeit mit Hans Utz angesprochen, nennt man im Verlag neben dem angenehmen menschlichen Miteinander seine technische Versiertheit und digitale Affinität. Er besitze ein gutes Gespür dafür, welche Inhalte sich für digitale Lernformen eignen, berichtet Isabelle Huber, Co-Projektleiterin der «Zeitreise». Davon habe die Entwicklung des hybriden Konzepts der Neuausgabe sehr profitiert. 

An einen Unterricht ganz ohne Papier glaubt Hans Utz aber nicht, jedenfalls nicht in absehbarer Zukunft und nicht für alle. «Es gilt, Print und digital je nach Zielgruppe sinnvoll zu kombinieren.» Und generell die Texte kürzer zu halten, mit verschiedenen Medien anzusprechen: «Schülerinnen und Schüler lesen heute weniger, haben aber andere Kompetenzen. Ich bin da nicht kulturpessimistisch.» 

Er hat mehrere kostenlose Apps mitentwickelt, die den Unterricht lehrwerksunabhängig bereichern. Im August erschien etwa eine Neuauflage von Wie sicher sind wir? von der PH Luzern und dem Staatssekretariat für Sicherheitspolitik (SEPOS). Hervorzuheben sind zudem die teilweise preisgekrönten Angebote Fürsorge und Zwang, Fliehen vor dem Holocaust und When We Disappear.

 

In über fünf Jahrzehnten als Autor von Lehrmitteln haben sich diese stark verändert: didaktisch, inhaltlich und technologisch. 
Bei den Büchern ist vorne rechts ein Band der Materialien zu sehen, mit denen Klett und Balmer durch das Aufkommen des Kopierers einen wirtschaftlichen Misserfolg einstecken musste.

 

 

Erinnerungsarbeiter

In Fürsorge und Zwang kommen ehemalige Heim- und Verdingkinder zu Wort. «Die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und ihre Aufarbeitung eignen sich gut, politische Mechanismen aufzuzeigen», sagt Hans Utz. Dass diese Schattenseite in der Schweizer Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, ist ihm ein persönliches Anliegen. Er ist mit betroffenen Menschen im Austausch und verfasst Wikipedia-Einträge für sie. 

Fluchtgeschichten haben ihn ebenfalls immer beschäftigt, bereits vor dem Ukrainekrieg, der ihm durch die Kontakte in dieses Land besonders nahegeht. Er gibt Velofahrkurse für Migrantinnen und Migranten und hat viele Schicksale kennen gelernt. 

Wenn Hans Utz eine Zeitreise machen könnte – wohin würde diese führen? So erwartbar diese Frage war, so unerwartet fällt die Antwort aus: «Ich würde nicht in eine bestimmte Zeit oder an einen spezifischen Ort reisen. Sondern erfahren wollen, wie sich bestimmte Krisensituationen anfühlen.» Wie meint er das genau? «Wenn jemand von Armut betroffen ist, von Zwangsmassnahmen, Verfolgung – oder sich in einem Krieg befindet, auf der Flucht, in einem Konzentrationslager … Ich kann mich kognitiv in Quellen vertiefen, die Perspektive wechseln, Zeuginnen und Zeugen zuhören, aber es wird nie gelingen, mich ganz in die Realität dieser Situationen einzufühlen.» 

Das ist nachvollziehbar. Trotzdem wünscht man Hans Utz definitiv eine Reise in andere Realitäten. Und wendet sich lieber der Zukunft zu: Was kommt nach der «Zeitreise»? Neben ein paar kleineren Ideen wartet «ein etwas grösseres, noch nicht spruchreifes Projekt», lautet die verschmitzte Auskunft.

Es wird klar: Solange die Kräfte es zulassen und die Freude an seinen Themen bleibt, ist bei Hans Utz weiterhin kein Voll-Ruhestand angesagt. 

 

Wir stellen vor: die Nachfolgerin

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Bei Band 3 der neuen «Zeitreise» löst Anna Voser als Autorin Hans Utz ab. Sie studierte an den Universitäten Zürich und Freiburg (CH) sowie der PH Luzern Geschichte, Erziehungswissenschaft, Geschichtsdidaktik und öffentliche Geschichtsvermittlung. 

Aktuell promoviert die diplomierte Gymnasiallehrperson an der PH St. Gallen und der Europa-Universität Flensburg. Das Thema: Schweizer Freiwillige im Spanischen Bürgerkrieg. Sie hat bereits an verschiedenen Projekten in der Lehrmittelentwicklung und Geschichtsvermittlung mitgearbeitet. Die «Zeitreise» wird ihr erstes grösseres Lehrmittelprojekt. 

Anna Voser: «Am neuen Band 3 mitarbeiten zu dürfen, freut mich aufgrund der hohen Gegenwarts- und Lebensweltrelevanz der Themenfelder besonders. Mich interessiert es, bestehende Geschichtsbilder zu hinterfragen sowie Quellen und den historischen Kontext aufzuschlüsseln. Denn dadurch können wir Lernende unterstützen, eine eigene, kritisch reflektierte und historisch fundierte Meinung auszubilden und zu vertreten.» 

Für Kontinuität im Team sorgen die didaktische Leiterin Karin Fuchs und Autorin Dorothe Zürcher sowie die Projektleiterinnen im Verlag, Isabelle Huber und Silvia Schmidt. 

Foto: PH St. Gallen

 

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