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«Zeitgemäss, fortschrittlich, ­alltagsbezogen»

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Gregor Wieland, Co-Autor des «Schweizer Zahlenbuchs»

«Zeitgemäss, fortschrittlich, ­alltagsbezogen»

25 Jahre «Schweizer Zahlenbuch» | 14. Januar 2020

1995 erschien der erste Band des «Schweizer Zahlenbuchs». 25 Jahre später ist das Mathematiklehrwerk immer noch am Puls der Zeit, auch dank der aktuellen Weiterentwicklung. Autor Gregor Wieland erinnert sich gut an die Anfänge.

Gregor Wieland, Co-Autor des «Schweizer Zahlenbuchs»

Herr Wieland, Sie sind Co-Autor der ersten Ausgabe des «Schweizer Zahlenbuchs». Wie kam es dazu?

Gregor Wieland: Als Mitglied verschiedener Mathematik-Kommissionen war ich in der Schweiz einigermassen bekannt. 1991 fragte mich der damalige Verlagsleiter Rolf Kugler, ob ich eine Schweizer Ausgabe des deutschen «Zahlenbuchs» von Müller/Wittmann, das damals gerade entstand, schreiben wollte. Ich stimmte zu unter der Bedingung, dass Mathematikdidaktiker Elmar Hengartner mit dabei ist. Es war unmöglich, eine Schweizer Ausgabe alleine zu stemmen. Es genügte nämlich nicht, wie ursprünglich angedacht, einfach D-Mark durch Schweizer Franken zu ersetzen. In der Schweiz kosteten Orangen nicht gleich viel wie in Deutschland. Zudem waren viele Themen sehr Deutschland-geprägt, so kamen etwa deutsche Dörfer und Städte vor.

Warum gerade Elmar Hengartner?

Elmar kam ursprünglich aus der Pädagogik, nicht wie ich aus der Mathematik. Ich wollte einen Co-Autor, der nicht gleich denkt wie ich. Zudem kannte Elmar die Grundideen von Müller/Wittmann bereits sehr gut. So begannen 1991 die Arbeiten am «Schweizer Zahlenbuch». Damals wussten wir noch nicht, wohin das führen und dass uns das Lehrwerk ein Vierteljahrhundert lang beschäftigen würde.

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Das «Schweizer Zahlenbuch» beschäftigt Co-Autor Gregor Wieland seit über einem ­Vierteljahrhundert.

Was bedeutete Ihnen die Arbeit am «Zahlenbuch»?

Eines meiner Vorbilder war Hans Freudenthal, der in Holland ein Institut für Mathematikunterricht gründete und eine neue Art von Mathematiklehrwerk entwickelte. Anders als damals üblich war das kein reines Aufgabenbuch, sondern es enthielt viel Anwendungsbezug. Seit uns Freudenthal sein Mathematikbuch vorgestellt hatte, war es ein Traum von mir, selbst auch mal an einem solchen Schulbuch zu arbeiten und seine Ideen umzusetzen. Durch die Arbeit am «Schweizer Zahlenbuch» entstanden bereichernde Begegnungen im In- und Ausland. Ich wurde oft zu Vorträgen eingeladen und es entstanden echte Freundschaften, wie etwa zu den «Schweizer Zahlenbuch»-Autoren Elmar Hengartner, Heinz Am­stad, Walter Affolter und Monika Doebeli. Was mir das «Schweizer Zahlenbuch» bedeutet, illustriert sehr gut eine Aussage unserer Tochter: Sie sagte einmal, sie habe neben ihrem Bruder noch ein weiteres Geschwister, es heisse «Zahlenbuch».

Wie erlebten Sie die Arbeit an dem Lehrwerk?

Sie war eine Herausforderung, unter anderem eine organisatorische. In Deutschland gab es nur das «Zahlenbuch 1–4». Uns war klar, dass es in der Schweiz auch eine Ausgabe für die 5. und 6. Klasse geben musste. Wir arbeiteten gleichzeitig am «Zahlenbuch 1–4» und am «Zahlenbuch 5 und 6», danach überarbeiteten wir die ersten vier Bände und zeitgleich entstand das «mathbuch» für die Sekundarstufe I. Hinzu kamen an die tausend Kurse zum neuen «Zahlenbuch». Das ging nur, weil ich mein Pensum an der PH Fribourg reduzierte. Vor 13 Jahren, mit 62, liess ich mich pensionieren und arbeitete dann ausschliesslich am Lehrwerk.

Wie sah der Mathematikunterricht in Schweizer Schulen vor dem «Zahlenbuch» aus?

Der Unterricht sah in jedem Schulzimmer anders aus – das ist heute noch so. Früher hatte man kein Lehrwerk, sondern eher ein Rechnungsbüchlein, das in der Regel einfach eine Aufgabensammlung und kein Lernbuch im eigentlichen Sinn war. Die Lehrperson zeigte vor, wie die Aufgaben zu lösen waren, und die Schülerinnen und Schüler machten es nach. Auch gab es früher kaum eine echte Anwendungsorientierung.

Was war neu am Konzept mathe 2000 und damit am «Zahlen­buch»? Wie revolutionierte es den Mathematik­unterricht?

Die Idee war, den Schülerinnen und Schülern etwas zuzutrauen. Es ging nicht mehr um Vorzeigen und Nachmachen, sondern man gab den Kindern die Möglichkeit, Dinge selbst herauszufinden, eigene Wege zu gehen. Sie sollten einfach mal ausprobieren und selbst über eine Sache nachdenken, selbst aktiv werden. Das «Zahlenbuch» war ein Lernbuch mit offenen Aufgaben für verschiedene Niveaus. So konnten auch Kinder, die weniger gut waren im Rechnen, Erfolgserlebnisse haben. Auch beim Üben konnten die Lernenden für sich neue Zusammenhänge entdecken. Die Alltags- und Anwendungsorientierung stellt einen Bezug zur Lebenswelt der Kinder her. So sehen sie auch einen Sinn in der Mathematik.

Das aktiv-entdeckende Lernen und das Konzept mathe 2000 stiessen damals oft auf Kritik. Warum?

Aktiv-entdeckendes Lernen braucht Zeit und erfolgt nicht linear. Im «Zahlenbuch» kommen gleiche Themen immer wieder vor, aber in einem anderen Kontext. So können die Schüler den Stoff nachholen, wenn sie ihn noch nicht verstanden haben. Auch habe ich von Lehrpersonen oft gehört, dass ihre Klassen mit aktiv-entdeckendem Lernen überfordert seien, dabei haben sie es ihnen nicht zugetraut und daher nicht ausprobiert. Oft wurde mit mangelnder Zeit argumentiert, weil man sonst mit dem Stoff nicht durchkommen würde. Aber es ist doch viel wichtiger, dass die Schüler den Stoff verstehen! Und dank aktiv-entdeckendem Lernen ist das eher der Fall.

Welche Kritik hörten Sie noch?

Ein weiterer Kritikpunkt war, dass das «Zahlenbuch» zu sprachlastig sei. Im «Zahlenbuch» ist tatsächlich etwas mehr Text als in üblichen Mathebüchern. Aber es sind einfache Sätze, möglichst ohne Fremdwörter und ohne Nebensätze. Texte, Tabellen und Grafiken sind aber wichtig für den Alltagsbezug. Unser Alltag ist voll von Mathematik. Ein grosses Problem ist, dass viele Kinder Sprachdefizite haben. Es ist aber nicht die Aufgabe des Mathematikunterrichts, diese Defizite zu umgehen. Auch oder gerade für Schüler mit Sprachproblemen ist der sprachliche Alltagsbezug wichtig.

Erzählen Sie uns ein paar Anekdoten rund ums «Zahlenbuch»?

Eine schöne Erinnerung zeigt, dass durchaus auch ältere Lehrpersonen etwas ändern wollen: In Fribourg standen zwei Schwestern, beides Lehrerinnen, kurz vor der Pensionierung. Sie sagten mir, dass sie es wunderbar fänden, dass sie so kurz vor ihrem Abschluss noch mit einem so tollen Lehrwerk arbeiten dürfen. Schön fand ich auch die Aussage einer Lehrerin, die meinte, dass nicht nur die Kinder von ihr lernten, sondern sie auch von den Kindern viel profitieren und lernen könne. Die Ideen, auf die die Kinder kommen, sind oft sehr bereichernd. Oder bei einer 4. Klasse mussten die Lernenden selbst Rechengeschichten erfinden. Die erfundenen Aufgaben waren zum Teil extrem anspruchsvoll; die Lehrerin hätte sich nicht getraut, so anspruchsvolle Aufgaben zu stellen. Das zeigt: Man muss den Kindern etwas zutrauen.

In der Schweiz war das «Zahlenbuch» schnell sehr erfolgreich, sogar erfolgreicher als in Deutschland. Wo orten Sie die Gründe dafür?

Erich Ch. Wittmann, einer der Autoren des deutschen «Zahlenbuchs», war oft in der Schweiz, hat Kurse zu den Grundlagen des «Zahlenbuchs» geleitet. Die Teilnehmenden gaben ihr Wissen an die Lehrpersonen weiter, sodass der Boden schon vor dem Erscheinen des «Schweizer Zahlenbuchs» gut vorbereitet war. In der kleinräumigen Schweiz konnte sich das neue Wissen schnell verbreiten. Der hohe Standard der Lehrpersonen in der Schweiz ist ebenfalls ganz wichtig im Zusammenhang mit der ­Akzeptanz und dem Erfolg des «Schweizer Zahlenbuchs».

Warum sollen Lehrpersonen auch nach 25 Jahren noch mit dem «Zahlenbuch» arbeiten?

Das Lehrwerk bietet heute noch alles, was es für einen zeitgemässen, didaktisch fortschrittlichen, sinnvollen, alltagsbezogenen und kindgerechten Zugang zur Mathematik braucht. Durch offene Aufgabenstellungen werden schwächere wie hochbegabte Kinder gleichermassen gefördert. Das «Zahlenbuch» entstand aus der fach­didaktischen Forschung und aus der Praxis; Forschung und Praxis sind im «Zahlenbuch» ideal miteinander verbunden.

www.schweizerzahlenbuch.ch


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