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Stabübergabe
Eine erfahrene Eule gibt ihren Unterricht ab und beobachtet, wie ihre junge Nachfolgerin startet. Dabei merkt sie: Nicht nur die Kinder lernen in der Schule – auch Lehrpersonen wachsen aneinander.
- Veröffentlicht:29.10.2026
- Autor:Lorenz Pauli
- Bild:Daniel Müller
Die alte Eule war klug und wusste trotzdem nicht, was sie denken sollte.
Klar war sie alt. Klar war sie froh, dass sie jetzt den Eulenkindern nicht mehr beibringen musste, wie man jagt und wovor man sich in Acht nehmen sollte.
Der Schulbetrieb mit den quirligen Eulenkindern war anstrengend. Und erst die Eltern dieser Kinder! Manchmal sah sie ein spöttisches Blitzen in den grossen Eulenaugen, wenn sie nicht allen Erwartungen gerecht wurde. Erwartungen, die niemand erfüllen konnte. Ihr wurde es als Altersschwäche ausgelegt.
Ja. Sie freute sich, mit dem Unterrichten aufzuhören und mehr Zeit für ihre eigenen Ausflüge zu haben.
Da war aber auch diese Wehmut, nun nicht mehr gebraucht zu werden, die Rolle der Wissensvermittelnden abzulegen, obwohl sie doch so viel wusste!
Eine kluge Eule weiss, dass sie scharfe Krallen braucht, sich aber nicht krampfhaft an etwas festklammern soll. So nickte sie. Obwohl ihr das Kopfschütteln deutlich leichter fiel. Ach, diese Gelenke!
Sie flog für eine geordnete Übergabe zu ihrer Nachfolgerin. Sie war eine erschreckend junge Eule.
Die alte Eule erinnerte sich an vieles. Aber daran, einmal ebenso unfassbar jung gewesen zu sein, erinnerte sie sich nicht. Sie zeigte Verständnis für dieses Jungsein und sprach: «Wenn du den Eulenkindern etwas beibringen willst, ist es wichtig, dass . . . »
Die unfassbar junge Eule unterbrach. «Ja, ich weiss. Ich habe das im Griff.»
«Aber bevor du . . . », begann die Seniorin wieder.
«Das Vorher und das Nachher werde ich neu definieren, das ist inzwischen überholt», erklärte die Junglehrerin.
Die Seniorin war klug. Klug genug, sich still auf einen Ast zu setzen, der jungen Eule beim Unterrichten zuzuschauen und vielleicht aufkommende Fragen zu beantworten.
Anfangs schauten die Eulenkinder noch zu ihr herüber, bald schon hatten sie nur noch Augen für die neue Lehrerin. Sie erzählte von den Gefahren von Mäusegift, vor dem man sich in Acht nehmen musste. (So etwas in der ersten Schulstunde!) Sie erklärte die Hochspannungsleitungen. (Es gab Ungenauigkeiten in der Schilderung.) Sie zeigte, wie man dem Rotor eines Windrads ausweichen musste. (Es gab in der Nähe keine Windräder.) Die Junglehrerin sprach: «Es ist wichtig, dass . . . »
Ein Eulenkind unterbrach. «Ja, wir wissen das. Wir haben das im Griff.»
Die Junglehrerin sah das junge, aufmüpfige Federhäufchen mit strengem Blick an. Unerhört, dass man sie nicht ausreden liess.
Die alte Eule lächelte. Jetzt erinnerte sie sich, wie sie in ihre Rolle als Lehrerin gefunden hatte: Sie hatte Wissen angesammelt. Sie hatte ihr Wissen in passenden Portionen an die Jungvögel weitergegeben. Und erst mit der Zeit hatte sie gemerkt: In der Schule wird gelernt. Und dieses Lernen findet immer auf beiden Seiten statt. Nicht nur die Eulenkinder lernen dazu.
Es war nicht nötig, dass die alte Eule ihrer Nachfolgerin etwas beibrachte. Die Eulenkinder würden dies tun.
Die alte Eule flog davon. Die Sache mit den Windrädern und wie man ihnen ausweichen musste, interessierte sie. Sie wollte eines suchen und es ausprobieren.
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