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Obligatorische ­Frühförderung

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Sollen fremdsprachige Kinder schon im Vorschulalter zu Deutschkursen verpflichtet werden? (Foto: iStock.com/FatCamera)

Obligatorische ­Frühförderung

Pro & Kontra | 14. Januar 2020

Soll die flächendeckende Frühförderung ein Angebot oder eine Pflicht sein? Die beiden Nationalräte Christoph Eymann und ­Verena Herzog sind sich einig, dass Kinder im Kindergarten ­möglichst schon Deutsch sprechen müssten. Wie dieses Ziel ­erreicht werden soll, dazu haben die beiden Politiker unterschiedliche Vorstellungen.

Sollen fremdsprachige Kinder schon im Vorschulalter zu Deutschkursen verpflichtet werden? (Foto: iStock.com/FatCamera)
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Christoph Eymann, Nationalrat

Pro

Christoph Eymann, Nationalrat Liberal-Demokratische Partei Basel-Stadt, ehemaliger Regierungsrat Basel-Stadt, ehemaliger Präsident der Erziehungs­direktorenkonferenz (EDK)

Gute Ideen entstehen oft aus einer Not heraus. So auch im Kanton Basel-Stadt. Die höchste Heterogenität in Schulklassen fand sich damals in diesem Kanton. Der Anteil der nicht Deutsch sprechenden Schülerinnen und Schüler ist hoch. Elternabende zur Einführung ins Schulsystem mussten begleitet von mehreren Übersetzerinnen durchgeführt werden. Informationsblätter gibt es in zahlreichen Sprachen. Diese Ausgangslage verlangte eine Reaktion der Bildungspolitik. Und dies möglichst rasch.

Eine Massnahme stand im Vordergrund: die frühe Sprachförderung. Pierre Felder, der weitblickende Chef der Basler Volksschulen, kontaktierte Professor Alexander Grob von der Basler Fakultät für Psychologie. In Gesprächen mit Lehrpersonen, weiteren Fachleuten und der Jacobs Foundation entstand die Idee eines selektiven Obligatoriums, «Mit ausreichenden Deutschkenntnissen in den Kindergarten». Im Bewusstsein, die eine oder andere Unvollkommenheit in Kauf zu nehmen, wurde die rasche Inkraftsetzung beschlossen.

Regierungsrat, Erziehungsrat, Grossratskommission und Parlament konnten von der Idee überzeugt werden. Diskussionen im Parlament gab es wegen des Eingriffs in die Befugnisse der Familie. Die staatliche Vorschrift für einzelne Eltern, ihren Kindern zwingend Sprachförderungsmassnahmen zukommen zu lassen, war umstritten. Für mich steht bei diesem Eingriff das Kindeswohl als Rechtfertigung im Vordergrund. Wie funktioniert das «Basler Modell»?

Wer die ortsübliche Sprache nicht beherrscht oder sich nicht genügend ausdrücken kann, ist mit einem Nachteil behaftet, der oft während der gesamten Schul­laufbahn nicht korrigiert werden kann.
Christoph Eymann, Nationalrat

Kinder, die nicht oder nur wenig Deutsch sprechen können, müssen im Jahr vor dem Kindergarteneintritt mit dem Erlernen der deutschen Sprache beginnen. An zwei Halbtagen pro Woche während je 2,5 bis 4 Stunden besuchen sie eine Spielgruppe mit Deutschförderung, ein Tagesheim oder eine Tagesfamilie. Die Eltern treffen die Wahl selbst. Die Kosten übernimmt der Kanton. Die Anmeldung erfolgt per Fragebogen mit Erläuterungen in zwölf Sprachen.

Es ist unbestritten, dass die Sprache der Schlüssel zu jedem Bildungserfolg ist. Wer die ortsübliche Sprache nicht beherrscht oder sich nicht genügend ausdrücken kann, ist mit einem Nachteil behaftet, der oft während der gesamten Schullaufbahn nicht korrigiert werden kann. Hinweis darauf liefert der Bildungsbericht des Bundes und der Erziehungsdirektorenkonferenz.

Das Ziel, wonach 95 Prozent der 25-Jährigen einen Abschluss auf Stufe Sek II haben sollen, wird von denjenigen nicht erreicht, die Sprachdefizite aufweisen. Im Unterschied zur Gruppe der spät Zugewanderten, die eine markant tiefere Abschlussquote Sek II aufweist, besteht bei den in der Schweiz geborenen ausländischen Kindern die Chance, durch frühe Sprachförderung die Bildungsvoraussetzungen zu verbessern. Als «Nebenwirkung» verhindert der Spracherwerb auch die Entstehung von Parallelgesellschaften. Es wird interessant sein, die wissenschaftliche Auswertung des Basler Pioniermodells zu analysieren. Es wird vermutet, dass eine höhere Stundendotation zu noch besseren Erfolgen führen kann. Rückmeldungen von Kindergartenlehrpersonen weisen auf eine Verbesserung der Situation hin.

Es gilt, mit Blick auf das Gebot der Chancengerechtigkeit, solche oder ähnliche Projekte in der übrigen Schweiz – wo nötig – einzuführen. Der Bund hat ebenfalls ein Interesse daran, diese wichtigste Grundvoraussetzung für jegliche Bildung herzustellen. Es ist erfreulich, dass mein politischer Vorstoss «Frühe Sprachförderung vor dem Kindergarteneintritt als Voraussetzung für einen Sek-II-Abschluss und als Integrationsmassnahme» vom Bundesrat wie von National- und Ständerat angenommen wurde. Der Bundesrat wird jetzt berichten, wie die frühe Sprachförderung mithilfe des Bundes im ganzen Land umgesetzt werden kann.

Ich bin überzeugt, dass nur mit diesem sanften Druck des selektiven Obligatoriums das angestrebte Ziel erreicht werden kann. Freiwilligkeit reicht nicht. Flankierend dazu sollten aber auch die Eltern die lokale Sprache erlernen. Bessere Ideen sind mir bis heute nicht begegnet.

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Verena Herzog, Nationalrätin

Kontra

Verena Herzog, SVP-Nationalrätin und Mitglied der Kommission Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) sowie der Kommission Soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK), ehemals ­Pädagogin und Kindergarteninspektorin

Säuglinge und kleine Kinder sind ausseror­dentlich lernfähig. Für die Entwicklung ist schon für die Kleinsten ein anregungsreiches Umfeld von enormer Bedeutung. Elementar und Voraussetzung für positive Fortschritte des Kindes ist jedoch vor allem in den ersten drei Lebensjahren die sichere Bindung zu konstanten Bezugspersonen. Die Bindungssicherheit ist ein Grundpfeiler für psychisches Wohlbefinden. Bevor neue Erfahrungen und Sozialkompetenz mit Gleichaltrigen erworben werden können, ist eine gesunde Beziehung des Kindes zu seinen primären Bezugspersonen zentral.

Doch die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) erfasst die Kinder bereits ab Geburt. Pikant ist zudem: Während bis anhin eine klare Aufteilung der Verantwortungen zwischen Schule und Elternhaus eine Selbstverständlichkeit war, soll sich nun der Staat ab der Geburt des Kindes nicht nur an der Förderung, sondern auch an der Erziehung beteiligen. Um die Chancengleichheit zu verbessern, fordern Kritiker des traditionellen Familienmodells, das noch immer von rund drei Vierteln der Schweizer Familien gelebt wird, Bildung, Betreuung und Erziehung als Staatsaufgabe.

Die meisten Familien haben nur noch ein, maximal zwei Kinder. Die Konzentration in allen Bereichen auf diese kleinen «Könige» ist dadurch viel grösser als früher in den Grossfamilien. Aus jedem soll dann beispielsweise ein «kleiner Professor» werden. Das ist mitunter ein Grund für den Frühförderungswahn.

Heute wissen wir zudem enorm viel über Kinder, Kindheit und Familie, und es steht ein riesiges Angebot an Ratgebern und Fördermöglichkeiten zur Verfügung. Problematisch ist, dass diese den Eltern das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten rauben, die Kinder in einer natürlichen Weise erziehen und fördern zu können.

Nehmen Migranteneltern ihre Verantwortung nicht wahr, sollen diesen die Kosten für Zusatzunterricht in der Schulsprache und Übersetzungskosten verrechnet werden können.
Verena Herzog, Nationalrätin

Auslöser der Forderung nach flächendeckender Frühförderung ist vor allem die überproportionale Zuwanderung fremdsprachiger Familien in unser Land. Die Sprachprobleme der vielen Immigranten aus allen Kulturen und Ländern der Welt sind ein Faktum. Wenn in einer Klasse häufig bis zu 85 Prozent der Kinder schlecht integrierte Eltern haben, wird es für alle anderen – Schüler, Lehrer und Eltern – sehr schwierig! Somit ist eine sprachliche Vorschulbildung sicher wünschenswert und richtig. Aber muss diese obligatorisch und flächendeckend sein?

Und kann damit gerechtfertigt werden, um eine bessere Durchmischung der Vorschulinstitutionen zu erreichen, auch von Schweizer Eltern die ausserfamiliäre Frühförderung der Kinder ab Geburt einzufordern? Ich meine nein!

Um die Chancengerechtigkeit auch für Migrantenkinder zu erhöhen, müsste es im ureigenen Interesse ihrer Eltern sein, sich um die neue Landessprache zu bemühen und mit den Kindern so rasch und so oft wie möglich die neue Landessprache anzuwenden. Wenn nötig, sollen die vorhandenen Fördermöglichkeiten, zum Beispiel Sprachspielgruppen, genutzt werden, um die Startchancen der Kinder im Kindergarten zu erhöhen. Nehmen Migranteneltern ihre Verantwortung nicht wahr, sollen nach dem Vorbild des Kantons Thurgau diesen die Kosten für Zusatzunterricht in der Schulsprache und Übersetzungskosten verrechnet werden können. Diese niederschwellige Forderung hat Früchte getragen. Zusätzliche Migranteneltern konnten durch diesen Anreiz motiviert werden, entweder sich selbst um bessere Sprachkenntnisse zu bemühen oder mit ihren Kindern die vorschulische Sprachspielgruppe zu besuchen. Der Anteil Kinder im Kindergartenalter mit ungenügenden Deutschkenntnissen konnte in fünf Jahren von 42 auf 25 Prozent gesenkt werden.*

Leider wurde diese Massnahme mit dem Bundesgerichtsentscheid vom 7. Dezember 2017 vorläufig gestoppt.

Eltern sollen jedoch weiterhin die Verantwortung für die Erziehung und Förderung ihrer Kinder tragen. Die vorhandenen Betreuungs- und Fördermöglichkeiten sollen genutzt werden. Doch Kinder sollen auch noch Kinder bleiben können! Schon Friedrich Nietzsche hat Langeweile als «Windstille der Seele» bezeichnet. Aus solchen Momenten heraus werden Kinder besonders schöpferisch.

  • * Frühe Förderung in Frauenfeld, Nutzen, Wirksamkeit und Effizienz der Angebote. Ein Vergleich / S /11 CAS ­Führung öffentliche Verwaltung und NPO HTW Chur / Andreas Wirth

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