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Keine Zeit für Langeweile

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Keine Zeit für Langeweile

Kolumne | 14. Mai 2019

Es gibt Kindheitserinnerungen, die möchte ich meinem Nachwuchs auf keinen Fall vorenthalten. Die Sommerferien ­gehören dazu.

Zur Autorin

Nicole Althaus ist Kolumnistin, Autorin und Chefredaktorin Magazine der NZZ. Sie hat zuvor den Mamablog für Tages­anzeiger.ch lanciert und das Familienmagazin «wir eltern» geleitet und neu positioniert. Nicole Althaus hat zwei ­Töchter im Teenageralter und lebt in der Nähe von Zürich.

Diese endlose Reihe von freien Tagen, an denen die Sonne alle Ecken ausleuchtete. Die Luft, die so warm und schwer die Stadt ausfüllte, dass sogar die Zeit träge wurde und manchmal ganz stillstand. Sodass man irgendwann nicht mehr sagen konnte, wann der Montag aufhörte und der Mittwoch begann, und man sich einfach in den Tagen verlor. Diese Zeitvergessenheit vorab ist es, die ich meinen Töchtern wünschte und noch immer wünsche in ihrem schon im zarten Alter durchgetakteten Leben. Ein Wunsch, der leider unerfüllt bleibt. Denn Sommerferien sind zwar immer noch eine endlose Reihe von freien Tagen, aber gerade deshalb für berufstätige Eltern ein logistischer Albtraum. Grosseltern, Nachbarn und Babysitter sitzen irgendwo am Strand, man selbst die Hälfte der Zeit im Büro, und der Ferienhort ist – für meine Töchter zumindest – so attraktiv wie eine Grammatikstunde in Französisch. Also werden die Kinder, denen man ein paar Wochen ohne Stundenplan gönnen würde, in einem Reitlager versorgt, versucht sie für eines der raren, von fortschrittlichen Arbeitgebern organisierten Freizeitangebote zu motivieren oder schleppt sie zur Not ins Büro mit, wo sie dann in klimatisierten Räumen irgendwelche Mandalas ausmalen und auffallend häufig auf die Uhr schauen. Morgens werden sie geweckt, als ob die Schule nie aufgehört hätte, und abends ins Bett gezwungen, damit sie sich am nächsten Tag sozialverträglich benehmen oder, anders gesagt: funktionieren. Und man hat ein schlechtes Gewissen.

Nein, diese Kolumne klagt nicht die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie an, sie betrauert bloss den Verlust der Musse, die auch die kinderfreundlichste Gesellschaft berufstätigen Eltern nicht herbeizaubern kann. Unverplante Stunden und Tage im Überfluss. So viele hintereinander, dass sogar Langeweile aufkommt. Sie ist selten im Leben meiner Kinder. Zu selten. Langeweile nämlich passt nicht in eine Welt, in der immer alles und alle optimiert werden müssen. Sie steht unter Verdacht, unproduktiv zu sein. Dabei wäre sie das Gegenteil: Längst haben Studien bewiesen, dass Langeweile die Kreativität fördert. Ja mittlerweile hat es sich in Fachkreisen so weit herumgesprochen, dass Langeweile zu den wichtigsten Triebfedern kindlicher Entwicklung gehört, dass kaum zu zählende Hirnforscher und Pädagogen sich des Themas angenommen haben.

Ich plädiere auch nicht für eine Rückkehr in die 50er Jahre, wo sich der Wirkungskreis der Frau auf Küche, Kirche und Kind beschränkte. Aber die Idee, dass Quality Time für Kinder die berufliche Abwesenheit der Eltern wettmacht, ist genauso das Produkt einer weltanschaulichen Gesinnung wie die Überzeugung, dass eine gute Mutter rund um die Uhr verfügbar sein muss. Die Wahrheit ist eine andere: Kinder und Karriere lassen sich nicht vereinbaren. Man kann sie nur addieren. Zeit nämlich hat nicht nur eine unabänderliche Richtung, sie hat auch eine Tiefe. Diese geht im sonst durchaus erfüllten Alltag zwischen Büro und Hausaufgaben oftmals verloren. So wie der Zauber von unverplanten Sommerferien für Kinder. Das zu verschweigen oder gar zu verleugnen wäre Propaganda und nicht Emanzipation.


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